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SEARCH MARKETING

X-Akte Quaero ist geöffnet

Jens von Rauchhaupt, 31. März 2006

Ohne Suchmaschinen stünde der Internetanwender wie der Ochse vor dem Berg. Ein schneller und gezielter Zugriff auf die gewünschten Informationen wäre unmöglich. Alle Beteiligten profitieren von der Suchtechnologie: Der Suchende wie der Händler, der Vermarkter wie der Hersteller von Waren und Dienstleistungen. Am 16. März ertönte nun aus Berlin die erste offizielle Fanfare zum deutsch-französischen Projekt "Quaero" (Lateinisch: ich suche). Bisher erntete Quaero eher Hohn und Spott. Diese voreilige Bewertung ist völlig unangebracht und beruht auf einem krassen Missverständnis, wie ADZINE herausgefunden hat.

Ist Quaero etwa nur eine weitere x-beliebige Suchmaschine mit franko-germanischem Anstrich, schnell zusammengeschustert, in panischer Angst vor einer angloamerikanischen Wissenshegemonie? Diese Vermutung liegt zunächst nahe, schließlich war es der französische Präsident Jacques Chirac, der in seiner Neujahresansprache Quaero als: "die deutsch-französische Antwort auf die globale Herausforderung von Google und Yahoo" angekündigt hatte. Solche "Kriegserklärungen" mögen im barrikadenkampferprobten Frankreich ankommen, passen aber keineswegs zum eher nüchternen Deutschland, das sich mit Quaero auch im globalen Wettbewerb der Informationstechnologie neu aufstellen will.

Mannschaftsaufstellung Quaero Deutschland

Die Besetzung der deutschen Partner für Quaero wechselte in den letzten Monaten häufiger ihre Namen als die der Fußball Nationalmannschaft. Nun ist es offiziell: der deutsche Kapitän der Programmgruppe Quaero heißt Empolis. Das kreative Mittelfeld übernimmt das deutsche Forschungszentrum für künstliche Intelligenz (DFKI) in Karlsruhe und die RWTH Aachen. Gespielt wird aus einer gefestigten Defensive mit den Kopfballstarken Riesen Siemens und Thomson Brandt Deutschland. MediaSec Technologies und Grass Valley Germany komplettieren die bisherige Mannschaft. Im Sturm lauert Lycos Europe auf seine Torchance in Form eines kommerziellen Erfolges von Quaero. Ersatzspieler haben laut Pressemitteilung des Ministeriums für Wirtschaft und Technologie ebenfalls noch Chancen. Klinsmann lässt grüßen.

Empolis ist eine Arvato Tochter, womit die tatsächliche Mannschaftsführung wohl in den Händen von Bertelsmann liegt. Empolis beschäftigt sich mit Informationslogistik, mitunter mit der Organisierung von Informations- und Kommunikationssträngen innerhalb eines Betriebes. Der Kernbereich von Empolis ist Wissensmanagement. Dieses Management funktioniert auch bei der Pressearbeit, denn wer nach Quaero fragt, landet gewollt oder ungewollt beim Empolis/Arvato Pressesprecher Gernot Wolf: "Richtig ist, dass wir die Programme der deutschen Partner koordinieren werden, zu den Einzelprojekten von Quaero können und wollen wir zu diesem Zeitpunkt keine Stellung nehmen." Damit bleibt das Quaero Programm noch bis zum EU-Notifizierungsverfahren im Juni sowohl für die europäische Öffentlichkeit als auch für Fremdagenten eine X-Akte.

Agentenarbeit

Die Entwicklung für die Technologien von Quaero ist auf etwa drei bis vier Jahre angelegt, jährlich - und nicht wie oftmals behauptet insgesamt - ist eine Investitionssumme von 150 Millionen Euro veranschlagt. Dass diese Investitionssumme in Deutschland und Frankreich doppelt geschultert wird, macht Sinn. Der bundesdeutsche Multimedia-Etat von gerade einmal 35 Millionen Euro sollte jedem verdeutlichen, dass die beteiligten Unternehmen bei dieser angespannten Haushaltslage die Hauptlast der Ausgaben tragen werden.

Aber was ist denn nun Quaero? "Bei Quaero handelt es sich jedenfalls nicht um den Versuch, eine Suchmaschine wie Google einfach nachzuahmen", erklärt Gernot Wolf gegenüber ADZINE, ohne sich auf konkrete Ausführungen einlassen zu wollen. Experten für Suchmaschinenmarketing wie Markus Hoevener von Bloofusion ahnten dies auch schon: "Falls Quaero den Anspruch hätte, es mit Google aufnehmen zu können, müsste es zwangsläufig scheitern. Wieso sollte eine neue Suchmaschine wie Quaero etwas besser können, was selbst Unternehmen wie MSN und Yahoo im jahrelangen Wettlauf mit Google nicht geschafft haben?" Hoevener sieht mit Quaero aber auch eine Chance für das Suchmarketing: "Es wäre endlich eine Gelegenheit, etwas völlig Neues auf den Markt zu bringen und sich damit im Suchmarketing von dem ewigen Paradigma zu lösen, dass es immer nur auf ein Top 10 Ranking von Google ankäme."

Während die Presse vielerorts auf einem Google-Vergleich herumreitet, den technologischen Vorsprung von Google betrachtet und wegen mangelnder Serverleistung und fehlendem Image eine Totgeburt von Quaero prognostiziert, sieht ein Mitglied der Wissenschaftsredaktion der FAZ am Sonntag die Fakten: "Selbst Quantencomputer - die es noch gar nicht gibt - müssten zur Suche Algorithmen einsetzen, daher wird es bei Quaero wohl weniger um einen neuen Suchalgorithmus als um den audiovisuellen Zugang zur Suche oder zum Suchergebnis gehen." Dazu passt das abgegebene Statement zu Quaero von Kay Oberbeck, Lycos Europe gegenüber ADZINE: "Wir glauben, dass längst nicht alle Möglichkeiten der Suchmaschinentechnologie voll ausgeschöpft sind. Quaero ist ein völlig neuer Ansatz, der über die bisherige Algorithmussuche hinausgeht."

Spurensuche

Nimmt man diese Informationen und betrachtet die Kernaussagen der Presseerklärung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie, zeichnet sich ein erstes Bild von Quaero ab: "Bei Quaero geht es um die Entwicklung von zukunftsweisenden Technologien zur automatischen Suche und Verarbeitung multimedialer und multilingualer Daten. Sie sollen den sicheren und verlässlichen Zugriff auf hochqualitative Informationen zu jeder Zeit, von jedem Ort und jedem Endgerät aus auf einfacher Weise ermöglichen."

Mit dem Stichwort Verarbeitung multimedialer und (multi)lingualer Daten führt eine Spur zur RWTH Aachen. Hier befasst sich der Lehrstuhl für Informatik VI unter Professor Dr. Hermann Ney seit Jahren mit der Erforschung von Sprach- und Bilderkennung. Zu Quaero heißt es dort: "(...) im Klartext geht es um Lösungen und Werkzeuge für das Management von Multimediadaten zu produzieren, zum Beispiel von der Suchmaschine, die auf die audiovisuellen Daten ausgedehnt wurde". Audiovisualität, Multilingualität, Mobilität verbunden mit der Suchmaschine Exalead lassen zumindest erahnen, was Quaero sein könnte.

So ist es durchaus vorstellbar, dass der Handynutzer in naher Zukunft ein Produkt real oder aus einem Magazin, von einem Plakat oder von einem Bildschirm abfotografiert und sodann eine Suchanfrage nach Preis, Preisvergleich oder dessen alternativen Standort stellt. Pure Spekulation ist dies nicht, ADZINE berichtete bereits von einer ähnlichen Technik bei Neomedia Technologies zum Thema Mobile Marketing. Auch simple verbale Suchanfragen am Handy mit einer audiovisuellen Antwort sind durchaus vorstellbar. Die X-Akte Quaero ist also geöffnet und es darf spekuliert werden. Wünschen wir Quaero Glück und erinnern uns daran, dass auch Airbus 18 Jahre benötigte, um Boeing erstmalig in die Schranken zu weisen.

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